Die nächste Phase

Wir ziehen nach Frankreich

October 2022

Im Notariat

Bevor ich euch für ein paar Tage im Ungewissen über den weiteren Verlauf unseres Lebens lasse, weil wir einen Kurzurlaub im Ressort Arcen (in der Nähe von Wachtendonk), möchte ich zumindest noch den abschliessenden Kauf beschreiben.

Seit dem 28.09.2022 waren wir ja nun mehr oder weniger obdachlos und fristeten unser Dasein auf dem Campingplatz. Unruhig waren wir deshalb aber nicht. Um ganz ehrlich zu sein habe zumindest ich nun schon mehrere male Häuser gekauft und auch wieder verkauft. Da kehrt Routine ein. Und bei den Terminen beim Notar ist dann eigentlich auch immer der Notar oder die Notarin das Highlight. Was habe ich da schon alles erleben dürfen. Einer mit einer roten Nase, denn ich aus dem Lokal meiner Eltern kannte, in dem ich ab meinem 14. Lebensjahr gekellnert habe. Der war ein guter, ein sehr guter Kunde. Ein anderer, zum Kauf meines Hauses in Wachtendonk, war Furz trocken und absolut farb- und humorlos. Der Kauf meines ersten Hauses, damals mit Bianca, war schon deshalb sehr einzigartig, weil auch da alles schnell ging und unsere Sprachkenntnisse der französischen Sprache sehr limitiert waren. Das war auch der Grund, weshalb Martine damals als Bindeglied, als Vertraute, als Dolmetscherin an dem Termin teilnahm. Allerdings standen Martine's Deutschkenntnisse auf dem Niveau meiner Französischkenntnisse. Und dazu gehörte für keinen von uns die Rechtssprache. Also vereinbarten wir, dass Martine noch einmal aufmerksam zuhören würde und im Falle der Annahme, dass alles ok wäre, sie zustimmend aber wortlos mit dem Kopf nicken sollte. Sie nickte durchgängig, also hatte ich keine Fragen. Dann mussten wir alle das Schriftstück unterschreiben und die Sache war rund.

Dieser Termin würde nun ganz anders sein. Mittlerweile reichen meine Sprachkenntnisse so weit, dass ich zum Beispiel aktiv an Konversationen (jüngst auch über die aktuelle Politik) teilnehmen kann und mir immer häufiger das Kompliment gemacht wird, dass ich gut Französisch spräche. Ich verstehe das aber immer noch als eine höfliche Freundlichkeit meiner Gesprächspartner, fühle mich dennoch jedes Mal bauchgepinselt.

Unsere Verabredung stand für 14:00 h. Den Franzosen ist die Mittagspause heilig. Dann sind alle herkömmlichen Geschäfte (nicht die Supermärkte) bis 14:00 h geschlossen und die Restaurants nicht selten bis auf den letzten Platz belegt. In unserem (mittlerweile) Stammrestaurant, der Auberge Basque, werden die Gerichte trotz der angestiegenen Rohstoffe immer noch als Menu (also Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise) für unter 15.00 € angeboten.

Da wir pünktlich sein wollten (typisch Deutsch oder typisch Beamter) erreichten wir den Notar, dessen Kanzlei im Industriegebiet von Callac ist, als erste. Von außen macht das Gebäude den Eindruck einer Lagerhalle. Man schaut automatisch wo denn da die Autos in die Werkstatt reinfahren würden. Auch von innen sind die Büroräume nicht feudal. Das Ensemble erinnert mich eher an Farben, Flure und Möbel aus meiner Grundschule. Kein Wartezimmer mit Ledersesseln, keine Mitarbeiterin, die einen in Empfang nahm und irgendwo hingeleitete. Lediglich hinter einem Glasverschlag, ein riesiges Fenster von sicher 4 Metern Breite und 2 Metern höhe mit so einem altmodischen Sprachlöchlein (da bin ich dann immer geneigt mich mit meinem Körper vorzubeugen um mit meinem Mund ganz nah an diese Öffnung zu gelangen) über der restlich Holzwand, die sich unter dem Fenster befand.

Niemand fragte uns etwas. Wir standen da rum als sich die Tür öffnete und Sandra und Bernard eintraten. Unsere beiden Engländer sprechen nicht viel und nicht sonderlich gut Französisch. Bernard auf jeden Fall mehr und besser als Sandra. Also führten wir unseren Smalltalk in English was auch für Maelle vorteilhaft war.

Dann tauchte ein in Jeans und Jacket gekleideter James Dean auf, der vom Aussehen her tatsächlich in jeden Film der 80'er Jahre gepasst hätte. Ich will damit sagen, dass er echt gut aussah. Ein wenig verwegen, die Haare fast schulterlang und wellig. Das war er dann … unser Notar. Scheinbar hatte er auch ein köstliches Mittagsmahl gehabt, denn seine Stimmung war ausgezeichnet. Er führte uns in ein Büro in dem anschliessenden Gang des rechten Flügels dieses Gebäudes. Auch hier alles Möbel, die sich sicher an ihre besten Jahre schon nicht mehr erinnern konnten. Er setze sich ganz leger hinter seinen Grundschullehrer Schreibtisch, während wir wie die aufgereihten Austern an einem Felsen ihm gegenüber Platz nahmen. Ganz rechts außen saß die ruhige Sandra. Zu ihrer linken Bernard. Dann kam Maelle, meine Wenigkeit und …. Anne (Änn, ihr erinnert euch noch? Die Maklerin).

Alles, was nun folgte erinnerte mehr an "Standup Comedy". Unser Notar stellte erst einmal fest, dass er mit mindestens vier Nationen (F, GB, D, und Ex-Col) und sehr unterschiedlichen Sprachen eine sehr illustre Truppe vor sich sitzen hatte. Voraussetzend, dass alle ihn verstehen, begann er das Verkaufsgespräch in Französisch. Als er merkte, dass er zumindest bei den Verkäufern in fragende Gesichter schaute, wechselte er ins Englische. Und ich brachte ihn dann völlig aus der Rolle, weil ich bei allen Kommentaren und Fragen hartnäckig Französisch antwortete. Da machte er dann für unsere englischen Freunde auch noch den Simultanübersetzer. Habt ihr schon einmal Franzosen erlebt, die Englisch sprechen. In der Freixenet Werbung hört sich die junge Französin, die Deutsch spricht sehr erotisch und angenehm an. Ähnlich war das bei unserem James Dean. Ich war echt geneigt die Augen zu schliessen und den Nachmittag zu geniessen. Aber ich musste ja immer antworten.

Natürlich habe ich auch zwischendurch gefragt. Warum ich zum Beispiel, statt der in der Anzeige angegebenen 23.000 qm nur knapp 19.000 qm kaufen würde. Monsieur Notar zuckte die Achseln und sagte uns dann, dass das im Kataster so eingetragen stünde. Änn ihrerseits konterte locker, dass das einfach nur ein Versehen sei. Ja, was sind schon 4.000 qm? Liebe Änn, da können vermutlich vier oder fünf Schafe von leben!!! Wir haben tatsächlich viel gelacht. Heute weiß ich, dass das Lachen unserer Engländer eigentlich das aufgesetzte "japanische" Lachen war. Nur, dass sie sich dabei nicht ständig mit dem Kopf nickend vornüber beugten. Uns sollte das Lachen auf jeden Fall noch vergehen. Das ist aber Gegenstand der folgenden Berichte.

Nach knapp einer Stunde, waren wir durch und James Dean schloss sichtlich amüsiert unsere Veranstaltung mit den Unterschriften aller Beteiligten. Dann händigte er uns allen noch eine Kauf- bzw. Verkaufsbescheinigung in die Hand und schickte uns damit zu einem Versicherungsmakler um das Haus durch uns nahtlos übergehend versichern zu lassen.

Gefühlsduselig betrat ich mit Bernard seine ihm vertraute Versicherungsagentur. Ich glaube, dass ist tatsächlich auch die einzige in Callac. Meine Erwartung war … rein, Vertag wie gehabt übernehmen, unterschreiben und raus. Die Realität war ….., dass sich die Gebäudeversicherungen prinzipiell und wesentlich verändert haben und das Frage und Antwort Theater mehr als eine Stunde gedauert hat. Lydie, die Versicherungssekräterin war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gebürtige Engländerin. Davon gibt es in Callac nämlich sehr viele. Und die gingen vermutlich alle zu dieser Versicherung. Das musste für mich nun nicht schlecht sein, denn innerhalb weniger Tage hatte ich schon die Vermutung gewonnen, dass Engländer sehr sparsam sind. Aber auch dazu später noch mehr.

Zuhause, also ab jetzt unserem Zuhause, angekommen nahmen wir eine kurze Übergabe vor. Wir bekamen ein paar Erläuterungen zum "fosse septic" (wir sind nicht an die Kanalisation angeschlossen) sowie auch der Ölheizungsanlage. Irgendwie fühlt man sich ja überfallen und spricht natürlich nicht über alles. Dazu wäre dann aber am 15.10.22 anlässlich der Hausübergabe noch Zeit.

So machen wir das. Also dann, wir sehen uns am 15.!

The day after

Heute hieß es wieder …. Abschied nehmen. Heute werden die letzten direkten Verbindungen in die Heimat ihre Heimreise antreten. Das war ein echtes Abenteuer. Innerhalb von drei Tagen in Deutschland alles abbrechen und nach Frankreich verfrachten. Alle waren erschöpft, hatten deshalb trotz der widrigen Umstände, dass es kein Hochsommer mehr war, gut geschlafen. In der zweiten Nacht konnte man auf die Erfahrungen der ersten Nacht zurückgreifen. Die Abreise war für 08:00 h spätestens vorgesehen. Da lugten aber die letzten Mohikaner aber erst aus ihren Zelten und mussten erst noch einmal ihre Morgentoilette erledigen. Dieser Zug hatte also Verspätung :-).

Nicht nötig, zu erwähnen, dass irgendwann die Zeit auch keine Rolle mehr spielt. Da reicht es sogar noch für Mannschaftsfotos. Bitte recht freundlich. Klick. Im Kasten. Dann kam der schwerste Part. Wir standen rum, wußten das wir uns verabschieden müssten und irgendwie bekam keiner so richtig die Kurve. Es dauerte und ließ, als es anfing die Tränen rollen. Ich war vermutlich wieder derjenige, der am meisten heulte. Bianca ist auch recht gut darin und versucht mir immer den Rang abzulaufen. Auch wenn so eine Entscheidung, den Lebensmittelpunkt in ein anderes Land zu verlegen, irgendwann ausgereift und unumstößlich geworden ist, kommt es dennoch zu starken Gefühlsregungen. Zum meinem ersten Enkelkind Levin habe ich eine ganz besondere Beziehung. Nicht nur, weil er das erste Enkelkind war, vielmehr auch, weil er ein Junge ist und ich gemeinsam mit ihm schon einige sehr schöne Reisen verbracht habe. Männerurlaube. Wanderurlaube. Wir waren zweimal im Pitztal, einmal in der Rheinpfalz und einmal im Sauerland. Ich war von meinem kleinen Begleiter sehr überrascht. Ich habe mit ihm, vor allem im Pitztal bei den Bergtouren, Unterhaltungen führen dürfen, bei denen er mit mir auf einer Augenhöhe war. Über diese Souveränität in seinem Auftreten war ich erstaunt und stolz gleichzeitig. Da war er gerade einmal 13 Jahre alt.

Und nun stand ich da, drückte ihn ganz fest an mich, während ich vor mich hin heulte, und merkte, dass ich ihn mehr als alle anderen vermissen würde. Nach dem Heulkonzert hieß es dann "Aufsitzen", alle Mann an Bord. Roland und Stefan im LKW und Bianca und Levin im Verfolgungsfahrzeug. Wir reden hier nun über knapp Pausen Kilometer, die Roland und Bianca nun alleinig als Fahrer ihrer Fahrzeuge fahren müssten. Das ist kein Pappenstiel. Aber ich hatte zu beiden großes Vertrauen. Bianca ist für mich eine der besten Autofahrerinnen überhaupt, eine Chauffeurin, bei der ich auf Reisen Zeit unserer Ehe auf dem Beifahrersitz geschlafen habe. Und Roland ist in dieser Hinsicht ebenfalls über jeden Zweifel erhaben.

Wieder verfolgten wir den Fortschritt der Reise über unsere iPhones. Nachdem die Truppe nach dem Verlassen des Campingplatzes erst noch bei Intermarché auftankte und gleichzeitig noch ein paar Lebensmittel einkaufte, dauerte die Reise dann doch bis fast vor Mitternacht an. Dann aber kam von mehreren Seiten die Erfolgsmeldung, dass man sicher angekommen sei.

Während die anderen ihren Tag auf der Autobahn und auf Rastplätzen verbrachte, nutzten wir die Zeit die ersten Dinge zu erledigen, an die wir ab sofort denken mussten. Wir waren zwar noch in Urlaub, würden aber in 14 Tagen die Schlüssel für unser neues Haus erhalten. Natürlich konnten wir keine Großeinkäufe tätigen, denn wir standen ja noch auf dem Campingplatz aber "gucken kostet nix".

Unser Ziel war Intermarché um dort ein paar Lebensmittel für die nächsten Tage auf dem Campingplatz einzukaufen. Intermarché gehört mit zu den größten Supermärkten in Frankreich. Ich mag den Laden, weil er im Gegensatz zu den anderen Geschäften regionale Produkte anbietet. Eine ähnliche Philosophie wie die von EDEKA oder REWE in Deutschland. Darunter befinden sich auch eine Menge Eigenmarken, die zwar von regionalen Produzenten aber unter Markennamen von Intermarché angeboten werden.

https://www.intermarche.com/magasins/04391/Redon-35600/infos-pratiques

Das Gebäude des Supermarktes in Redon "Cap Nord" beherbergt auch eine Apotheke, einen Lotto- und Zeitungsladen, einen Schuster, eine Bar (Kneipe), eine Wäscherei, eine Bäckerei, ein Schuhgeschäft, Jaffray meinen Lieblings- Fischhändler, einen Optiker und …. einen Friseur. Ich kann euch gar nicht sagen, wie lange ich mich nun schon unwohl fühlte. Immer dann, wenn meine Haare eine bestimmte Länge erreicht haben und sich das eine oder andere Haar gegen den Wind aufbäumt - Leute, das fühle ich, ich kann euch sogar sagen, welches Haar das war - dann muss ich mir unbedingt das Haupthaar kürzen. Ihr habt richtig gehört. Das mache ich selber. Und das hat Geschichte. Irgendwann vor gefühlten 100 Jahren war ich in Goch
. Zum Friseur, so wie immer, lediglich ein anderer Friseur. Ich hatte an dem Tag Pech und geriet scheinbar an eine Auszubildende. Damals trug ich meine Haare noch lang. Zuhause angekommen, fiel meine damaligen Frau Bianca die Kinnlade runter. Sie war so was von böse, dass sie mich, kaum dass ich Das Haus betreten hatte wieder zu dem Friseur schickte. Ich gehorchte. Peinlich berührt erzählte ich dort, dass ich das noch nicht so perfekt fand. Dass meine Frau mich zurück geschickt hatte, traute ich mich nicht zu sagen. Aber auch dieser zweite Besuch war ein Schlag ins Wasser. Kaum war ich zuhause, packte mich Bianca und fuhr mit mir zum Friseur. Nun wißt ihr, warum ich schon seit ewigen Zeiten kurzes Haar trage. Zum Schaden der Friseure, denn seither hat mir Bianca und später ich selber mir dann die Haare geschnitten.

Auf dem Campingplatz konnte ich das gerade nicht, denn meine professionelle Haarschneidemaschine lag in einem Karton, in unserem Hangar, seit gestern. Und natürlich hätte ich weder die entsprechende Kiste noch den Haarschneider gefunden. Also beschloss ich zu meinem Wohlbefinden den Friseurladen zu betreten und zu fragen, ob sie Zeit für mich haben.

Mehrere Frauen und ein Mann liefen beschäftigt umher oder bearbeiteten gerade feuchte oder lockengewickelte Köpfe. Der Mann sah mich stehen und kam auf mich zu. Ich fragte ihn, ob ich eine Chance auf einen Termin hätte. Er drehte sich etwas zur Seite, rief einen Namen und fragte ob die Person gerade frei wäre. Zu meiner großen Freude gab es für mich nicht nur die Möglichkeit eines Termines sondern auch eine supernette, gut aussehende Thailänderin.

Ich solle mich ausziehen. Sie meinte nur die Jacke. Und nun dort hinsetzen. Was ich mir den vorstellte. Tja … also alles auf drei Millimeter, Oben auf dem Kopf, den Bart und den Schnauzer. Sie schnappte sich ihren professionellen Bartschneider und schon ging es los. Wechsel zu einem feinen und kleinen Gerät um die Lippen und Ohren und schon sah ich wieder ganz normal aus. Ob ich die Haare auch gewaschen haben möchte? Ich dachte, egal, was kostet die Welt? Heute nehme ich alles mit. Dann kommen Sie mal hier rüber. Etwas weiter hinten im Lokal gab es mehrere Waschtische. Ich stampfte meiner Friseurin hinterher. Nee, sagte sie, ich müsse mich in den Stuhl setzen, sonst könne sie mir die Haare ja nicht waschen. Alle anderen lachten.

Mit großer Zärtlichkeit machte sie sich an die Arbeit das zu waschen, was ja eigentlich nun gar nicht mehr da war. Aber diese Massage war göttlich. Ich überlegte, ob ich nicht nur die Massage buchen könnte. Täglich… nach dem Frühstück. Dann durfte ich wieder zurück zum Föhnen und etwas in die Haare schmieren. Ob es mir gefiel? Breites Grinsen und überzeugendes "oui" rausgebracht. Ab zur Kasse. Bar oder mit Karte? Wieviel, fragte ich? 10 €! Wie jetzt, die Zeit, der Arbeitsaufwand, der Stundenlohn, die Materialkosten, die Steuern und dann nur 10 €?

Ganz aufgeregt erzählte ich das Maelle, die sich sofort für den nächsten Tag auch einen Termin sicherte.