Die nächste Phase

Wir ziehen nach Frankreich

Im Notariat

Bevor ich euch für ein paar Tage im Ungewissen über den weiteren Verlauf unseres Lebens lasse, weil wir einen Kurzurlaub im Ressort Arcen (in der Nähe von Wachtendonk), möchte ich zumindest noch den abschliessenden Kauf beschreiben.

Seit dem 28.09.2022 waren wir ja nun mehr oder weniger obdachlos und fristeten unser Dasein auf dem Campingplatz. Unruhig waren wir deshalb aber nicht. Um ganz ehrlich zu sein habe zumindest ich nun schon mehrere male Häuser gekauft und auch wieder verkauft. Da kehrt Routine ein. Und bei den Terminen beim Notar ist dann eigentlich auch immer der Notar oder die Notarin das Highlight. Was habe ich da schon alles erleben dürfen. Einer mit einer roten Nase, denn ich aus dem Lokal meiner Eltern kannte, in dem ich ab meinem 14. Lebensjahr gekellnert habe. Der war ein guter, ein sehr guter Kunde. Ein anderer, zum Kauf meines Hauses in Wachtendonk, war Furz trocken und absolut farb- und humorlos. Der Kauf meines ersten Hauses, damals mit Bianca, war schon deshalb sehr einzigartig, weil auch da alles schnell ging und unsere Sprachkenntnisse der französischen Sprache sehr limitiert waren. Das war auch der Grund, weshalb Martine damals als Bindeglied, als Vertraute, als Dolmetscherin an dem Termin teilnahm. Allerdings standen Martine's Deutschkenntnisse auf dem Niveau meiner Französischkenntnisse. Und dazu gehörte für keinen von uns die Rechtssprache. Also vereinbarten wir, dass Martine noch einmal aufmerksam zuhören würde und im Falle der Annahme, dass alles ok wäre, sie zustimmend aber wortlos mit dem Kopf nicken sollte. Sie nickte durchgängig, also hatte ich keine Fragen. Dann mussten wir alle das Schriftstück unterschreiben und die Sache war rund.

Dieser Termin würde nun ganz anders sein. Mittlerweile reichen meine Sprachkenntnisse so weit, dass ich zum Beispiel aktiv an Konversationen (jüngst auch über die aktuelle Politik) teilnehmen kann und mir immer häufiger das Kompliment gemacht wird, dass ich gut Französisch spräche. Ich verstehe das aber immer noch als eine höfliche Freundlichkeit meiner Gesprächspartner, fühle mich dennoch jedes Mal bauchgepinselt.

Unsere Verabredung stand für 14:00 h. Den Franzosen ist die Mittagspause heilig. Dann sind alle herkömmlichen Geschäfte (nicht die Supermärkte) bis 14:00 h geschlossen und die Restaurants nicht selten bis auf den letzten Platz belegt. In unserem (mittlerweile) Stammrestaurant, der Auberge Basque, werden die Gerichte trotz der angestiegenen Rohstoffe immer noch als Menu (also Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise) für unter 15.00 € angeboten.

Da wir pünktlich sein wollten (typisch Deutsch oder typisch Beamter) erreichten wir den Notar, dessen Kanzlei im Industriegebiet von Callac ist, als erste. Von außen macht das Gebäude den Eindruck einer Lagerhalle. Man schaut automatisch wo denn da die Autos in die Werkstatt reinfahren würden. Auch von innen sind die Büroräume nicht feudal. Das Ensemble erinnert mich eher an Farben, Flure und Möbel aus meiner Grundschule. Kein Wartezimmer mit Ledersesseln, keine Mitarbeiterin, die einen in Empfang nahm und irgendwo hingeleitete. Lediglich hinter einem Glasverschlag, ein riesiges Fenster von sicher 4 Metern Breite und 2 Metern höhe mit so einem altmodischen Sprachlöchlein (da bin ich dann immer geneigt mich mit meinem Körper vorzubeugen um mit meinem Mund ganz nah an diese Öffnung zu gelangen) über der restlich Holzwand, die sich unter dem Fenster befand.

Niemand fragte uns etwas. Wir standen da rum als sich die Tür öffnete und Sandra und Bernard eintraten. Unsere beiden Engländer sprechen nicht viel und nicht sonderlich gut Französisch. Bernard auf jeden Fall mehr und besser als Sandra. Also führten wir unseren Smalltalk in English was auch für Maelle vorteilhaft war.

Dann tauchte ein in Jeans und Jacket gekleideter James Dean auf, der vom Aussehen her tatsächlich in jeden Film der 80'er Jahre gepasst hätte. Ich will damit sagen, dass er echt gut aussah. Ein wenig verwegen, die Haare fast schulterlang und wellig. Das war er dann … unser Notar. Scheinbar hatte er auch ein köstliches Mittagsmahl gehabt, denn seine Stimmung war ausgezeichnet. Er führte uns in ein Büro in dem anschliessenden Gang des rechten Flügels dieses Gebäudes. Auch hier alles Möbel, die sich sicher an ihre besten Jahre schon nicht mehr erinnern konnten. Er setze sich ganz leger hinter seinen Grundschullehrer Schreibtisch, während wir wie die aufgereihten Austern an einem Felsen ihm gegenüber Platz nahmen. Ganz rechts außen saß die ruhige Sandra. Zu ihrer linken Bernard. Dann kam Maelle, meine Wenigkeit und …. Anne (Änn, ihr erinnert euch noch? Die Maklerin).

Alles, was nun folgte erinnerte mehr an "Standup Comedy". Unser Notar stellte erst einmal fest, dass er mit mindestens vier Nationen (F, GB, D, und Ex-Col) und sehr unterschiedlichen Sprachen eine sehr illustre Truppe vor sich sitzen hatte. Voraussetzend, dass alle ihn verstehen, begann er das Verkaufsgespräch in Französisch. Als er merkte, dass er zumindest bei den Verkäufern in fragende Gesichter schaute, wechselte er ins Englische. Und ich brachte ihn dann völlig aus der Rolle, weil ich bei allen Kommentaren und Fragen hartnäckig Französisch antwortete. Da machte er dann für unsere englischen Freunde auch noch den Simultanübersetzer. Habt ihr schon einmal Franzosen erlebt, die Englisch sprechen. In der Freixenet Werbung hört sich die junge Französin, die Deutsch spricht sehr erotisch und angenehm an. Ähnlich war das bei unserem James Dean. Ich war echt geneigt die Augen zu schliessen und den Nachmittag zu geniessen. Aber ich musste ja immer antworten.

Natürlich habe ich auch zwischendurch gefragt. Warum ich zum Beispiel, statt der in der Anzeige angegebenen 23.000 qm nur knapp 19.000 qm kaufen würde. Monsieur Notar zuckte die Achseln und sagte uns dann, dass das im Kataster so eingetragen stünde. Änn ihrerseits konterte locker, dass das einfach nur ein Versehen sei. Ja, was sind schon 4.000 qm? Liebe Änn, da können vermutlich vier oder fünf Schafe von leben!!! Wir haben tatsächlich viel gelacht. Heute weiß ich, dass das Lachen unserer Engländer eigentlich das aufgesetzte "japanische" Lachen war. Nur, dass sie sich dabei nicht ständig mit dem Kopf nickend vornüber beugten. Uns sollte das Lachen auf jeden Fall noch vergehen. Das ist aber Gegenstand der folgenden Berichte.

Nach knapp einer Stunde, waren wir durch und James Dean schloss sichtlich amüsiert unsere Veranstaltung mit den Unterschriften aller Beteiligten. Dann händigte er uns allen noch eine Kauf- bzw. Verkaufsbescheinigung in die Hand und schickte uns damit zu einem Versicherungsmakler um das Haus durch uns nahtlos übergehend versichern zu lassen.

Gefühlsduselig betrat ich mit Bernard seine ihm vertraute Versicherungsagentur. Ich glaube, dass ist tatsächlich auch die einzige in Callac. Meine Erwartung war … rein, Vertag wie gehabt übernehmen, unterschreiben und raus. Die Realität war ….., dass sich die Gebäudeversicherungen prinzipiell und wesentlich verändert haben und das Frage und Antwort Theater mehr als eine Stunde gedauert hat. Lydie, die Versicherungssekräterin war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gebürtige Engländerin. Davon gibt es in Callac nämlich sehr viele. Und die gingen vermutlich alle zu dieser Versicherung. Das musste für mich nun nicht schlecht sein, denn innerhalb weniger Tage hatte ich schon die Vermutung gewonnen, dass Engländer sehr sparsam sind. Aber auch dazu später noch mehr.

Zuhause, also ab jetzt unserem Zuhause, angekommen nahmen wir eine kurze Übergabe vor. Wir bekamen ein paar Erläuterungen zum "fosse septic" (wir sind nicht an die Kanalisation angeschlossen) sowie auch der Ölheizungsanlage. Irgendwie fühlt man sich ja überfallen und spricht natürlich nicht über alles. Dazu wäre dann aber am 15.10.22 anlässlich der Hausübergabe noch Zeit.

So machen wir das. Also dann, wir sehen uns am 15.!

The day after

Heute hieß es wieder …. Abschied nehmen. Heute werden die letzten direkten Verbindungen in die Heimat ihre Heimreise antreten. Das war ein echtes Abenteuer. Innerhalb von drei Tagen in Deutschland alles abbrechen und nach Frankreich verfrachten. Alle waren erschöpft, hatten deshalb trotz der widrigen Umstände, dass es kein Hochsommer mehr war, gut geschlafen. In der zweiten Nacht konnte man auf die Erfahrungen der ersten Nacht zurückgreifen. Die Abreise war für 08:00 h spätestens vorgesehen. Da lugten aber die letzten Mohikaner aber erst aus ihren Zelten und mussten erst noch einmal ihre Morgentoilette erledigen. Dieser Zug hatte also Verspätung :-).

Nicht nötig, zu erwähnen, dass irgendwann die Zeit auch keine Rolle mehr spielt. Da reicht es sogar noch für Mannschaftsfotos. Bitte recht freundlich. Klick. Im Kasten. Dann kam der schwerste Part. Wir standen rum, wußten das wir uns verabschieden müssten und irgendwie bekam keiner so richtig die Kurve. Es dauerte und ließ, als es anfing die Tränen rollen. Ich war vermutlich wieder derjenige, der am meisten heulte. Bianca ist auch recht gut darin und versucht mir immer den Rang abzulaufen. Auch wenn so eine Entscheidung, den Lebensmittelpunkt in ein anderes Land zu verlegen, irgendwann ausgereift und unumstößlich geworden ist, kommt es dennoch zu starken Gefühlsregungen. Zum meinem ersten Enkelkind Levin habe ich eine ganz besondere Beziehung. Nicht nur, weil er das erste Enkelkind war, vielmehr auch, weil er ein Junge ist und ich gemeinsam mit ihm schon einige sehr schöne Reisen verbracht habe. Männerurlaube. Wanderurlaube. Wir waren zweimal im Pitztal, einmal in der Rheinpfalz und einmal im Sauerland. Ich war von meinem kleinen Begleiter sehr überrascht. Ich habe mit ihm, vor allem im Pitztal bei den Bergtouren, Unterhaltungen führen dürfen, bei denen er mit mir auf einer Augenhöhe war. Über diese Souveränität in seinem Auftreten war ich erstaunt und stolz gleichzeitig. Da war er gerade einmal 13 Jahre alt.

Und nun stand ich da, drückte ihn ganz fest an mich, während ich vor mich hin heulte, und merkte, dass ich ihn mehr als alle anderen vermissen würde. Nach dem Heulkonzert hieß es dann "Aufsitzen", alle Mann an Bord. Roland und Stefan im LKW und Bianca und Levin im Verfolgungsfahrzeug. Wir reden hier nun über knapp Pausen Kilometer, die Roland und Bianca nun alleinig als Fahrer ihrer Fahrzeuge fahren müssten. Das ist kein Pappenstiel. Aber ich hatte zu beiden großes Vertrauen. Bianca ist für mich eine der besten Autofahrerinnen überhaupt, eine Chauffeurin, bei der ich auf Reisen Zeit unserer Ehe auf dem Beifahrersitz geschlafen habe. Und Roland ist in dieser Hinsicht ebenfalls über jeden Zweifel erhaben.

Wieder verfolgten wir den Fortschritt der Reise über unsere iPhones. Nachdem die Truppe nach dem Verlassen des Campingplatzes erst noch bei Intermarché auftankte und gleichzeitig noch ein paar Lebensmittel einkaufte, dauerte die Reise dann doch bis fast vor Mitternacht an. Dann aber kam von mehreren Seiten die Erfolgsmeldung, dass man sicher angekommen sei.

Während die anderen ihren Tag auf der Autobahn und auf Rastplätzen verbrachte, nutzten wir die Zeit die ersten Dinge zu erledigen, an die wir ab sofort denken mussten. Wir waren zwar noch in Urlaub, würden aber in 14 Tagen die Schlüssel für unser neues Haus erhalten. Natürlich konnten wir keine Großeinkäufe tätigen, denn wir standen ja noch auf dem Campingplatz aber "gucken kostet nix".

Unser Ziel war Intermarché um dort ein paar Lebensmittel für die nächsten Tage auf dem Campingplatz einzukaufen. Intermarché gehört mit zu den größten Supermärkten in Frankreich. Ich mag den Laden, weil er im Gegensatz zu den anderen Geschäften regionale Produkte anbietet. Eine ähnliche Philosophie wie die von EDEKA oder REWE in Deutschland. Darunter befinden sich auch eine Menge Eigenmarken, die zwar von regionalen Produzenten aber unter Markennamen von Intermarché angeboten werden.

https://www.intermarche.com/magasins/04391/Redon-35600/infos-pratiques

Das Gebäude des Supermarktes in Redon "Cap Nord" beherbergt auch eine Apotheke, einen Lotto- und Zeitungsladen, einen Schuster, eine Bar (Kneipe), eine Wäscherei, eine Bäckerei, ein Schuhgeschäft, Jaffray meinen Lieblings- Fischhändler, einen Optiker und …. einen Friseur. Ich kann euch gar nicht sagen, wie lange ich mich nun schon unwohl fühlte. Immer dann, wenn meine Haare eine bestimmte Länge erreicht haben und sich das eine oder andere Haar gegen den Wind aufbäumt - Leute, das fühle ich, ich kann euch sogar sagen, welches Haar das war - dann muss ich mir unbedingt das Haupthaar kürzen. Ihr habt richtig gehört. Das mache ich selber. Und das hat Geschichte. Irgendwann vor gefühlten 100 Jahren war ich in Goch
. Zum Friseur, so wie immer, lediglich ein anderer Friseur. Ich hatte an dem Tag Pech und geriet scheinbar an eine Auszubildende. Damals trug ich meine Haare noch lang. Zuhause angekommen, fiel meine damaligen Frau Bianca die Kinnlade runter. Sie war so was von böse, dass sie mich, kaum dass ich Das Haus betreten hatte wieder zu dem Friseur schickte. Ich gehorchte. Peinlich berührt erzählte ich dort, dass ich das noch nicht so perfekt fand. Dass meine Frau mich zurück geschickt hatte, traute ich mich nicht zu sagen. Aber auch dieser zweite Besuch war ein Schlag ins Wasser. Kaum war ich zuhause, packte mich Bianca und fuhr mit mir zum Friseur. Nun wißt ihr, warum ich schon seit ewigen Zeiten kurzes Haar trage. Zum Schaden der Friseure, denn seither hat mir Bianca und später ich selber mir dann die Haare geschnitten.

Auf dem Campingplatz konnte ich das gerade nicht, denn meine professionelle Haarschneidemaschine lag in einem Karton, in unserem Hangar, seit gestern. Und natürlich hätte ich weder die entsprechende Kiste noch den Haarschneider gefunden. Also beschloss ich zu meinem Wohlbefinden den Friseurladen zu betreten und zu fragen, ob sie Zeit für mich haben.

Mehrere Frauen und ein Mann liefen beschäftigt umher oder bearbeiteten gerade feuchte oder lockengewickelte Köpfe. Der Mann sah mich stehen und kam auf mich zu. Ich fragte ihn, ob ich eine Chance auf einen Termin hätte. Er drehte sich etwas zur Seite, rief einen Namen und fragte ob die Person gerade frei wäre. Zu meiner großen Freude gab es für mich nicht nur die Möglichkeit eines Termines sondern auch eine supernette, gut aussehende Thailänderin.

Ich solle mich ausziehen. Sie meinte nur die Jacke. Und nun dort hinsetzen. Was ich mir den vorstellte. Tja … also alles auf drei Millimeter, Oben auf dem Kopf, den Bart und den Schnauzer. Sie schnappte sich ihren professionellen Bartschneider und schon ging es los. Wechsel zu einem feinen und kleinen Gerät um die Lippen und Ohren und schon sah ich wieder ganz normal aus. Ob ich die Haare auch gewaschen haben möchte? Ich dachte, egal, was kostet die Welt? Heute nehme ich alles mit. Dann kommen Sie mal hier rüber. Etwas weiter hinten im Lokal gab es mehrere Waschtische. Ich stampfte meiner Friseurin hinterher. Nee, sagte sie, ich müsse mich in den Stuhl setzen, sonst könne sie mir die Haare ja nicht waschen. Alle anderen lachten.

Mit großer Zärtlichkeit machte sie sich an die Arbeit das zu waschen, was ja eigentlich nun gar nicht mehr da war. Aber diese Massage war göttlich. Ich überlegte, ob ich nicht nur die Massage buchen könnte. Täglich… nach dem Frühstück. Dann durfte ich wieder zurück zum Föhnen und etwas in die Haare schmieren. Ob es mir gefiel? Breites Grinsen und überzeugendes "oui" rausgebracht. Ab zur Kasse. Bar oder mit Karte? Wieviel, fragte ich? 10 €! Wie jetzt, die Zeit, der Arbeitsaufwand, der Stundenlohn, die Materialkosten, die Steuern und dann nur 10 €?

Ganz aufgeregt erzählte ich das Maelle, die sich sofort für den nächsten Tag auch einen Termin sicherte.

Wenn man im Gebirge wohnt

Eine Stunde kann verdammt lang sein. Wenn man auf etwas wartet, dann dauert es gefühlt ewig lange. Das war damals mit dem Führerschein für's Auto so oder mit dem 18. Geburtstag. Wir warteten "nur" auf einen Bauern mit seinem Trecker und es sollte nur eine Stunde dauern. Es war eine amüsante Wartezeit, wir haben uns die Zeit kurzweilig gestaltet, mit Geschichten, mit Witzen.

Irgendwann, mittlerweile war es schon dämmerig, kam ein riesiger, grüner, ziemlich neuer Traktor rückwärts auf uns zugefahren. Der Bauer hatte es echt drauf. Gerade so, als würde er den Weg stündlich rückwärts fahren, kam er den Hügel runter. 5, 6 Meter vor dem LKW kam er zum Stillstand. Er stieg aus gefühlt 10 Metern Höhe aus seinem Traktor aus und begrüßte uns. Dann inspizierte er den LKW und sagte ok, versuchen wir es. Vom Trecker holte er eine schwere Kette, so eine, wie sie bei Zugbrücken früher verwendet wurden oder wie Hochseedampfer sie zum Ankern benötigten. Für so einen Truck brauchte man schon schweres Gerät. Und diese Kette würde vermutlich nicht reissen. Das war nämlich meine große Sorge gewesen, dass der Trecker kommen würde und zu klein wäre oder der Bauer eine Kette mitbringen würde, die bei diesem Gewicht und der Steigung und dem Matsch sofort reißen würde. Aber diese Kette, die würde halten. Und zu dem Traktor hatte ich auch absolutes Vertrauen. Die Hinterreifen hatten mindestens eine Höhe von 2,60 Meter. Vermutlich aber viel mehr. Und das Profil würde sich vermutlich bis auf den Granit eingraben. Und da gäbe es dann auf jeden Fall festen Halt und den Rädern.

Nun musste die Kette aber angebracht werden und alle begannen nun aufgeregt zu suchen, wo den nun der Abschlepphaken sitzen würde. Der aufmerksame Leser, der von Anfang an dabei ist, wird nun laut aufschreien und uns zurufen: Ihr Blödmänner, das ist doch ein Automatikfahrzeug, den kann man doch gar nicht abschleppen. Auf diesen Trichter waren wir aber auch schon gekommen. Wilde Panik. Was nun? Die Köpfe rauchten. Meine Frau telefonierte mit ihrem Bruder in Kolumbien, auch ein gelernter und erfahrener LKW Fahrer. Diesen LKW da herauszubekommen wäre nur rückwärts möglich. Dazu musste der LKW aber erst einmal gewendet werden. An dieser Stelle müsst ihr euch visualisieren, dass die Einfahrt zum Hangar so knappe 8 - 10 Meter breit ist. Nach rechts in Fahrtrichtung stand der LKW am Hang. Im Matsch. Der Feldweg ließ rechts und links vom LKW vielleicht noch einen Meter Spielraum. Ein Husarenstück nun bei diesem glitschigen Untergrund wieder rückwärts in die Einfahrt zu fahren, dann nach links wieder rauszufahren und sich dann rückwärts so gut wie möglich in Stellung
zu bringen um dem Traktor die Möglichkeit zu bieten das Fahrzeug an die Anhängerkupplung zu koppeln und ihn dann rückwärts heraus zu ziehen. Eine Herausforderung für den Bauern aber auch für Roland. Er musste nun den Motor anschmeissen und dann den Wagen im Leerlauf rückwärts navigieren.

Man merkte Roland die Anspannung an. Diesen Tag hatte er sich ganz anders vorgestellt. Um ehrlich zu sein … ich auch. Ich telefonierte wieder mit Marie-Annick. Ja, Marie-Annick ich bin es noch mal. Nein, wir sind noch nicht auf dem Weg. Es wird wohl eher kur vor 21:00 h werden. Ob sie denn schon essen dürften, wollte sie wissen. Ja, natürlich. Bitte kaufe für jeden eine Pizza und nehme sie mit nach hause. Wir essen sie dann bei dir! Und da war es dann, das nächste Problem. Ich sollte aufschreiben, wer denn welche Pizza haben möchte und hatte nun alle danach gefragt. Ich rief Marie-Annick zurück und gab ihr die Bestellung durch. Perfekt. Bis gleich … und euch einen Guten Appetit.

Das tat mir nun unendlich leid. Wir hatten alle zum Essen eingeladen und das endet nun in einem totalen Chaos. Ich hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da klingelte mein iPhone wieder. Die Pizzen hätten in Frankreich andere Namen, was denn auf den gewünschten Pizzen drauf sein sollte. Ich fragte wieder rum und notierte mir die einzelnen Wünsche. Dann rief ich zurück. Nun muss es rund sein, dachte ich …. Bis mein iPhone wieder klingelte. Es
war wieder Marie-Annick. (Nun habt ihr den Namen aber drauf, nicht wahr?). Sie berichtete, dass die Pizzeria mit dem heutigen Tag die Saison abschliessen würde. Und weil der Laden nun für 5 Monate dicht machte, hätten sie nicht mehr alle gewünschten Zutaten. Dann sollen sie eben sechs Pizzen machen, die eine Ähnlichkeit mit den gewünschten Sorten von Pizza hätten. Und bitte noch eine weitere Pizza extra, für den Fall, dass ….

Die Schlammschlacht mit dem LKW, die von RTL oder Pro7 auch als Challenge hätte verfilmt werden können, hatte begonnen. Wir verabschiedeten uns von den Verkäufern des Hauses Sandra und Bernard und fuhren nun mit unseren PKW'S in Richtung des Endes dieses Feldweges bei dem dann hoffentlich bald ein Trecker und ein rückwärts angehängter LKW auftauchen sollten.

Und tatsächlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit, sahen wir die Lichter, die zunehmend größer wurden. Wir standen mit unseren Autos am Straßenrand und warteten. Als erstes kam der Trecker, ohne LKW! Nee, nicht das noch? Wieder irgendein Zwischenfall? Er hielt mitten auf der Straße und strahlte uns mit seiner Festbeleuchtung an. Der Bauer kam auf uns zu, strahlte und meinte, dass alles klar sei. Ich zückte mein Portemonnaie und wollte ihm die 50 € geben, die wir ausgehandelt hatten. Er winkte ab und sagte, dass Roland ihn schon bezahlt hätte. Meine Frau machte dieser Umstand, dass der LKW nun wieder aus eigenen Stücken fahren konnte so glücklich, dass sie dem Bauern noch einmal 20 € in die Hand drückte. Das wollte er nun wirklich nicht, das wäre nicht verabredet gewesen. Keine Widerrede, sagte ich, wollte dann aber von ihm wissen, ob er uns den frische, noch nicht entrahmte Milch verkaufen würde. Maelle bräuchte sie zur Käsezubereitung. Wir erhielten seine Zusage.

Dann düsten wir los. Die Pizzen würden auf jeden Fall bereits kalt sein, denn der Weg über die N in Richtung Rennes und dann Redon ist zwar angenehmer zu fahren, dauert aber wegen der größeren Fahrtstrecke auch länger. Um 23:00 plus minus ein paar Minuten standen wir vor Marie-Annicks Haus. Sie hatte auf uns gewartet und den Tisch noch gedeckt. Nun wärmte sie jede Pizza einzeln noch einmal auf und servierte uns nicht nur das Essen, sondern auch noch Getränke.

Die Stimmung war ausgezeichnet. Wir haben über alle unsere Erlebnisse an diesem Tag herzlich gelacht. Die besten Szenen werden wir wohl demnächst bei Stefan sehen, denn er hat viele Situationen
mit seiner GoPro dokumentiert und uns bereits erzählt, dass wir vermutlich aus dem Lachen nicht heraus kämen. Zu den ganzen Erinnerungen gehören auch die Nächte in den Zelten. Aber das wird es auch aus der anderen Perspektive zu lesen geben.

Was wir bisher noch nicht erlebt hatten

Dinge gibt's, die gibt's gar nicht. Glaubt ihr nicht? Dann lest doch bitte einmal die folgende Geschichte.

Es war Morgen, der Freitagmorgen. Auf dem Programm stand heute, dass wir morgens bei Marie-Annick frühstücken würden. Danach müssten wir den LKW betanken. Am besten bei Intermarché, dort ist es nicht kompliziert. Dann würden wir uns auf den Weg nach Plusquellec machen, um 12:00 h dort ankommen, den LKW abladen und den kompletten Hausrat in den Hangar stellen und dann rechtzeitig wieder nach Redon zurück fahren. Martine und Marie-Annick hatten auf meinen Wunsch einen schönen großen Tisch um 18:30 h für 10 Personen in einer Pizzeria reserviert. Check.

Morgens war bei unseren lieben Helfern erst einmal Knochen sammeln angesagt. Man schläft halt doch nicht mehr so oft in einem Zelt. Dieser Vorgang zog sich dann inklusive einer schönen warmen Dusche mehr in die Länge als ursprünglich vorgesehen. Zeit verblieb dennoch ausreichend, denn unser Ziel war es ja zwischen 12:00 h und 13:00 h mit dem Ausladen zu beginnen.

Der Weg vom Campingplatz zu Marie-Annick und Bernard ist in fünf Minuten zu bewältigen. Viel länger hat es auch nicht gedauert. Das Frühstück war eine Eheschliessung aus französischem und deutschem Frühstück. Unsere Freunde waren oft genug in Deutschland um den Unterschied zwischen den Kulturen in dieser Hinsicht zu kennen. Das traditionelle Frühstück besteht in Frankreich aus Kaffee, Tee oder Kakao als Getränk, Baguette und Marmelade oder Konfitüre. Gelegentlich, vor allem in Hotels, bekam man auch schon einmal Butter, Käse und Wurst dazu. Die Zeiten haben sich geändert. In französischen Hotels geht es auch schon sehr viel europäischer zu als vor einer Dekade. Bei unseren Freunden stellte sich das Frühstück eben vielseitiger und europäischer vor. Das gefiel auf jedem Fall unserem Frankreich Novizen Stefan. Es war sein erster bewußter Aufenthalt in Frankreich. In einen französischen Haushalt hinein zu schnuppern ist dann noch einmal was ganz anderes. Die Häuser sind anders, die Inneneinrichtungen sind anders. Klar, man sitzt auf Stühlen und ißt an einem Tisch. Es sieht dennoch alles anders aus.

Ist es auch, denn der französische Geschmack hinsichtlich z.B. der Einrichtung eines Hauses birgt ein ganz besonderes Flair. Für mich ist alles geschmackvoll farbenfroher und oft auch blumiger. Ich mag das. Es ist total gemütlich. Natürlich fand ich unsere deutschen Einrichtungen auch geschmackvoll. Gegenüber dem französischen Geschmack muss man es aber eher als steril betrachten. "Chaqun a son goût" ("jeder hat seinen Geschmack" oder eben "Jedem das Seine").

Franzosen essen morgens auch generell nicht viel. So etwas kann ich ja gar nicht. Ich brauche was zwischen die Kiemen. Darum bin ich beim Frühstück grundsätzlich der Letzte, der den Tisch verlässt. Insofern gab es sicher den einen oder anderen, der ungeduldig gewartet hat, dass es endlich los ging. Irgendwann bin ich dann auch fertig.

Bevor wir uns auf den Weg nach Plusquellec machen konnten mussten wir ja noch zu Intermarché. Roland und Stefan schwangen sich auf ihren Bock, der in ca. 150 m Entfernung vorne an der D (Départementale) auf uns warten musste, weil er zum Frühstück nicht mit rein durfte und wegen seiner Ausmaße auch nicht rein konnte. Die D war aber breit genug. In kurzer Zeit waren wir an der Tanke. Die folgenden Geschehnisse spare ich aus, denn dazu wird es auch eine andere Perspektive geben, als ich sie hatte. Lesenswert …. wird sie allemal sein. Zur Erinnerung die erste Episode spielte sich in der Berliner Str. in Wachtendonk ab. Die nächste Episode nun bei Intermarché.

Ich fahre nun einfach mit meiner Schilderung fort. Die kürzeste Strecke führte quer durch die Bretagne von Süd-Ost Richtung Nord-West und obwohl es nur knapp 160 km waren würde unsere Fahrt über zwei Stunden dauern. Auf französischen Autobahnen (A wie Autoroute) gilt weitestgehend die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Auf den N (wie Nationale) darf man noch 110 km/h schnell sein. Und 90 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit auf einer D (Départementale). Ein LKW ist in der Geschwindigkeit werksmäßig bereits auf 90 km/h begrenzt. Dennoch versuchen manche LKW Fahrer das Letzte aus ihren Brummis raus zu kitzeln. Unser Weg, … so einmal quer durch die Bretagne, führte ohnehin nicht über ausschließlich gerade Wege. Außerdem muss man sich die Bretagne, je weiter man hineinfährt wie die kleine Schwester des Sauerlandes oder der Eifel vorstellen. Es geht rauf und runter und das nicht selten in Serpentinen.

https://de-de.topographic-map.com/map-92qm2/Bretagne/?center=46.90525%2C-4.28467&zoom=6

Irgendwann nach 13:00 h waren wir dann aber angekommen. Und erlebten unser blaues Wunder. Der Vorbesitzer hatte uns Fotos vom Feldweg zum Hangar gesendet. Allerdings hatte er seine Fotos immer aus einer Position aufgenommen, die auf den Fotos eine Gerade erkennen ließ. Dummerweise standen wir nun dort vor Ort und sahen uns zwei unüberwindbarer Kurven gegenüber. Eine fast in einem 90 Grad Winkel. Völlig unmöglich mit einem 12 Tonner dort hoch zu fahren. Unser Problem war eng, kurvig und steil. Nun plötzlich, nachdem ich dem Vorbesitzer Angaben über unseren LKW sogar mit Fotodokumentation und Maßen gesendet hatte, gab er sich als früherer LKW Fahrer zu erkennen und schätzte die Situation als "nicht machbar" ein. Vermutlich hat er ein seiner aktiven Arbeitszeit so einen Milchwagen gefahren wie wir sie aus den Miss Marple Filmen oder dem Bond Film kennen. So, wie er da nun stand, erschien er ein wenig hilf- und ahnungslos!

Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, in der wir sogar erwogen das ganze Unternehmen abzubrechen und wieder zurück zu fahren, bis das unser ehemaliger Milchkutscher erzählte und vorschlug von oben an den Hänger heran zu fahren. Von oben? Wir schauten hoch, sahen aber nur Wolken. Was er meinte war, dass man über die D28 nach einer Fahrt von vielleicht drei Kilometern zu einem Feldweg gelangen würde, über den man den Hangar erreicht. Da wir ohnehin keine Wahl hatten und er sich bereit erklärte mit Roland mitzufahren und ihm den Weg zu zeigen, nahmen wir das Angebot dankend an.

Wir verloren wertvolle Zeit. Nervös, ziemlich angefressen, tigerten wir von Hangar zum Feldweg und wieder zurück bis endlich das Geräusch zu hören und später auch der LKW zu sehen war. Wir Wartenden hatten ja keine Ahnung, wie lange diese Fahrt dauern würde waren nun aber froh, dass der LKW da war und wir mit dem Abladen beginnen konnten.

Hätten wir den Platz im Hangar nicht zur Lagerung benötigt, hätte man mit dem LKW rückwärts reinfahren können. Wir hatten keine Vorstellung davon, wie viel Platz wir brauchen würden, wenn der Wagen am Ende völlig abgeladen war.

Anfangs ging alles sehr flott. Die beiden Fahrer und Beifahrer auf dem LKW brachten die Sachen auf die Rampe, die etwas heruntergefahren war und wir anderen vier nahmen alles entgegen und brachten es auf Anweisung von Maelle an irgendeine Stelle. Wein rechts, Möbel hinten rechts, die Couchen da in der Mitte, die Matratzen auch …. Und so weiter. Erste Zweifel kamen auf, ob wir wohl rechtzeitig zum Essen auch wieder in Redon sein würden. Na klar, sagte ich und war mir absolut sicher, dass der LKW um spätesten 17:00 h leer sei.

Was soll ich euch sagen? Er war kurz nach 17:00 h leer. Alles im grünen Bereich. Und obwohl wir nach meiner Berechnung nur eine kleine Verspätung von 10 oder 15 Minuten haben würden, rief ich in Redon an um den Freunden mitzuteilen, dass wir wohl mit einer kleinen Verspätung erst eintreffen würden. Wir seien aber fertig und würden nun losfahren. Ich würde mich von der Strecke noch einmal melden und wir würden über die Nationalstrasse fahren, weil es mit eingehender Dunkelheit doch angenehmer zu fahren sei.

Der LKW wurde gestartet und fuhr langsam los. Es hatte in der Zwischenzeit einen dauerhaften Landregen gegeben und die Wiese war nun sehr glitschig. Aber Roland steuerte das Fahrzeug mit Bravour von der Wiese, durchquerte das Tor, bog nach rechts ab, wo es dreißig bis vierzig Meter bergan ging und steckte plötzlich im Moder fest. Egal wieviele Tonnen der LKW nun noch auf die Wage brachte, dieses Gewicht drückte ihn bei jeder Vorwärtsbewegung immer tiefer in den Modder. Nichts ging mehr. Der LKW saß hoffnungslos fest. Nun war guter Rat teuer. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber dazu kommen wir später.

Alle Versuche und guten Ideen den LKW wieder frei zu bekommen liefen ins Leere. Die Spurrillen wurden immer tiefer. Jeder der ein Telefon hatte, telefonierte mit jemandem der möglicherweise einen Rat hätte geben können. Ich telefonierte mit Redon um mitzuteilen, dass es wohl doch erheblich viel später werden würde, weil wir wegen des plötzlich völlig verschlammten Boden nicht mehr raus kämen. Tja, Bernard, was fällt dir nun Guten ein. Bernard überlegte, wie ein englischer Milchfahrer so überlegt und brachte dann das Wort "Traktor" heraus. Man müsste einen Bauern fragen. Wo Bernard, wo? Wollte ich wissen. Es gab nur einen! Klar Highländer… Es kann nur einen geben. Und der hatte seinen Hof am Ende dieses Feldweges. Dort, wo der Feldweg auf die Landstraße stösst. Ich also zum Auto. Stefan begleitete mich. Ich fuhr recht zügig weil mir nun mehrere Menschen unzufrieden zu werden drohten. Die Freunde in Redon und alle Mitreisenden in Plusquellec. Der Einzige, den das alles nur ganz am Rande berührte war … Bernard (englische Sprechweise).

Am Horizont unserer Reise angekommen sahen wir mehrere Häuser. Alle immer auch verdeckt durch Baumbestand. Und davon gibt es hier in der Bretagne reichlich. Normal total schön, wenn du aber dringend einen Bauern suchst, ist das etwas hinderlich. Am Ende des ersten abführenden Weges ein schönes großes bretonisches Haus aber kein aktiver Bauernhof. Aber da, auf der gegenüberliegenden Seite, eine große Scheune oder ein großer Stall. Ich fuhr in den Weg rein, der nicht mit glitschig und moderig war, und sorgte mich darum selber mit meinem Volvo stecken zu bleiben. Bei einem LKW hat man zumindest noch die Bodenfreiheit. Mit einem PKW und einem Spurrillen gezeichneten Weg ist die Chance stecken zu bleiben riesig groß.

Bis zur Scheune schafften wir es. Ich stieg aus, lief rum, versuchte mehrere Türen, sah aber keine Menschenseele. Nur Kühe. Dicke Kühe. Milchkühe. Ich stieg wieder ein und fuhr zu einem anderen Stall mit angeschlossenem Wohngebäude. Da, ein Eingang. Auto auf, schnellen Schrittes dorthin und geklingelt. Nichts. Niemand rührte sich. Wieder zum Auto zurück. Ups, da ist ja noch eine Haustür. Vielleicht wohnt der Bauer ja dort? Wieder raus, hin zur Tür und geklingelt. Plötzlich machte jemand auf und ich begann meine Geschichte zu erzählen. Und nachdem ich fertig war, erzählte mir der Mann in der Haustüre im englischsten Englisch, dass er nicht der Bauer sei. Er wohne nebenan. Und wenn er nicht da wäre, dann solle ich im Stall nachsehen. Nun wäre die Zeit des Melkens und Fütterns.

Wieder rein ins Auto und wieder durch den Matsch zum Stall. Stefan und ich, wir konnten uns trotz der Brisanz dieser Situation das Lachen nicht verkneifen und machten witzige Sprüche zu unserer Situation. Zumindest war da ein Hoffnungsschimmer. Noch nie haben wir uns so sehr nach einem menschlichen Kontakt zu einem französischen Landwirt gesehnt. Und wir hatten Glück, denn er war nicht an der aktuellen Folge von Bauer sucht Frau auf RTL beteiligt und guckte, nachdem ich mich noch einmal lautstark bemerkbar gemacht hatte plötzlich zwischen seinen Kühen hoch. Und dann stand er vor uns. Ich erzählte ihm unsere Geschichte und fragte, ob er uns helfen könne und den LKW aus dem Schlamm ziehen könne? Er so: "Wann?" Ich: "Wenn es ginge, dann nun!" Er so: "Nein, er müsse sich um seine Kühe kümmern! Die müssten gemolken und gefüttert werden!" "Und danach?" Fragte ich ihn schon ziemlich kleinlaut und mit weinerlichem Unterton um sein Herz zu erweichen. "Das könne er tun, das würde aber noch eine Stunde dauern! Und er würde es nicht gratis machen!" Ich: "Wieviel?" Er:"50 Euro!"

Ich musste nicht lange überlegen. Auch wenn er nun 100, 150 oder 200 € gesagt hätte. Es hätte keine Option gegeben. Ich sagte zu und wir schlugen ein. So, wie man das bei einem Kuhhandel eben macht. Ein Mann, ein Wort. Ein Bauer, 50 €!! "Aber", sagte er "Ihr müsst warten, bis ich meine Kühe versorgt habe. Tja, uns blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Und ihr müsst nun auch warten. Bis morgen Abend, denn ich bin nun wieder hundemüde und die Uhr hat schon vor geraumer Zeit Mitternacht geschlagen.

Also, wir lesen uns morgen.

Die kurze Nacht

Wer von euch geglaubt hat, dass es mit dem Verladen der Möbel getan war, der kennt meine Frau nicht. Ich war hundemüde und warf mich, mit der Perspektive auf etwas über drei Stunden Schlaf auf die Luftmatratze in unserem ansonsten völlig leeren, alten Schlafzimmer. Währenddessen legte meine Frau noch einmal Hand an und fegte und putzte alle anderen Räume noch einmal durch. Ich habe nicht wirklich gemerkt, wann sie auch endlich auf der Luftmatratze lag.

Um pi mal Daumen 03:00 h morgens klingelten dann die iPhones. Nun hieß es raus. Raus aus dem Bett und raus aus dem Haus. Die letzten Klamotten noch gepackt und in den dafür vorgesehenen Platz in den Dachgepäckträger verstaut. Ich hatte mir glücklicherweise vor unserer Reise im Juni über eBay Kleinanzeigen noch eine besonders geräumige Ausführung gekauft. Da ging eine Menge rein. Das Ding war aber auch bis auf den letzten Millimeter gefüllt und mit großer Wahrscheinlichkeit an der Grenze der gesetzlich zugelassenen Dachlast. Das bedeutete, dass ich nicht nur wegen des Lasten-Anhängers sondern auch wegen Dachgepäckträgers recht vorsichtig fahren musste.

Nachdem alles verstaut war, fuhr auch schon der erste Helfer und Beifahrer vor. Stefan ist ein zuverlässiger Kerl und ausgezeichneter Freund auf den man sich verlassen kann. Und er kennt auch das Motto: "Eine Hand wäscht die andere!" Kaum war er ausgestiegen fuhr das nächste Auto mit Roland, Bianca und Levin vor. Alle vor der vereinbarten Abreisezeit. Das lief wie am Schnürchen. Bianca hatte freundlicherweise für alle drei Fahrzeuge das Proviant inklusive eines guten Kaffee's vorbereitet. Und dieses Buffet konnte sich wahrlich sehen lassen. Von den Brötchen über den Kaffee bis hin zu Obst und Süßigkeiten war alles im Warenkorb enthalten. Letzte Absprachen, Kontrollen aller drei Fahrzeuge und die letzten WC-Besuche verzögerten die Abreise dennoch um einige Minuten. Da wir jedoch eine recht ruhige Strecke zu fahren beabsichtigten, sollte das kein wirkliches Problem darstellen.

Wir fuhren zunächst bis nach Venlo vor dem LKW und dem Citroen, der die Nachhut bildete, hatten vorher aber bereits angekündigt, dass wir voraus fahren würden um auf dem Campingplatz unsere Comtesse auf ihren Stellplatz zu bringen und das Nigel nagel neue Isabella Vorzeit aufzubauen. Nach vielen Überlegungen im Vorfeld, hatten wir den Beschluss gefasst die erste Nacht in Bains sur Oust auf dem Campingplatz zu verbringen und erst am nächsten Morgen nach Plusquellec weiter zu fahren.

Über unsere iPhones hatten wir eine ständige Übersicht, wer sich gerade wo auf der Strecke befindet. Auch mit unserem PKW konnten wir wegen der Last am Hintern und auf dem Dach nicht viel schneller fahren als ein LKW. Dennoch hatten wir schon schnell einige Minuten gut gemacht. Nur unwesentlich auf der Strecke von Venlo nach Liège. Als wir dann die Grenze nach Frankreich überschritten machte sich aber schnell bemerkbar, dass unser "bip&go" Vorteile brachte. Bip&Go ist die Télépéage (Mautgebühren) auf den französischen Autobahnen. Wir haben in unseren Volvos rechts neben dem Rückspiegel eine kleinen Chip kleben, mit dem wir bei maximal 30 km/h Höchstgeschwindigkeit durch den mit "T" gekennzeichneten Kanal durchfahren können. Kein Karte mehr reinstecken oder Kleingeld suchen. Einfach langsam durchfahren.

https://www.bipandgo.com

Oben rechts auf der Homepage auch in Deutscher Sprache auswählbar. Außer der einmaligen Anschaffung des Chips (max. 20 €) fallen lediglich dann Kosten an, wenn man das Ding aktiv nutzt. Abgerechnet werden dann für jeden Monat der tatsächlichen Nutzung 1,70 €, plus der in dem Monat entstandenen Mautgebühren (die im Folgemonat vom Konto abgebucht werden).

Blöd ist nur, wenn dann ein unerfahrener Touri ohne so ein Ding in dem Fahrstreifen steht und die Schlange wegen seiner Blödheit (Unerfahrenheit) bereits auf vier Fahrzeuge angewachsen ist und wir - mit unserem Anhänger - an Nummer zwei stehen und alle zurück müssen. Das hat uns dann doch Zeit gekostet.

Wir fuhren in den Tag hinein, deshalb hielt sich eine eventuell aufkommende Müdigkeit, dank der aufgehenden Sonne, des Kaffee's und guter alter Rockmusik in Grenzen. Lediglich ein einziges Mal kam es auf dem ersten Teil der Fahrstrecke zu einem Stau. Wegen einer Baustelle verjüngten sich die zur Verfügung stehenden Fahrbahnen von drei auf zwei. Und dort, wo die Baustelle beinahe zu Ende war, stand dann auf der rechten Fahrbahn eine Mercedes mit einer jungen Frau. Ich hoffe nicht, dass ihr nur der Sprit ausgegangen war.

Über Mons, Amiens bis Rouen und Le Havre durchkreuzten wir Frankreich. Das ist aktuell die preiswerteste und am wenigsten befahrene Strecke. Ungefähr alle zwei Stunden machten wir eisenkurzen Stopp. Pipipause. Ich hatte ja mit Maelle und Layla zwei Frauen an Bord. Und der liebe Bill muss noch nicht mal müssen. Dem ist das so schon zu langweilig im Auto. Der beginnt schon zu protestieren, wenn der am Strassenrand mehrere Bäume sieht, die wie ein Wald aussehen. Und dieses bettelnde Janken ist nicht auszuhalten. Was das angeht versuchen sich Maelle und Bill gegenseitig zu übertreffen.

Bei Le Havre führt unser Weg über die Pont de Normandie. Eine Aufsehen erregende Brücke über die dort ins Meer mündende Seine. Eingangs Le Havre sieht man eine Bogenbrücke, die schon sehr eindrucksvoll wirkt. Nähert man sich ihr aber, dann wird einem klar, dass das wirklich großartige Bauwerk erst die nächste Brücke ist. Diese Pont de Normandie ist auch Maut pflichtig.

https://de.wikipedia.org/wiki/Pont_de_Normandie

Glücklicherweise gab es auf der Strecke keine weiteren Vorkommnisse. Wir hatten trotz unserer häufigen Pausen dennoch einen Vorsprung von etwas über eineinhalb Stunden aufgebaut als wir am Camping bei Jean-Marie ankamen.

https://www.campingileauxpies.com

Claudie und Jean-Marie halfen uns den Wohnwagen schnell auf seinen Platz zu befördern und meinen Anhänger auf dem Parkplatz abzustellen. Dann machten wir uns an den Aufbau des Vorzeltes. Den Aufbau hatten wir uns auf der Messe am Isabella Stand erklären lassen. Und die machten das, dank der neuen, modernen Carbon Gestänge in wenigen Minuten. Ich gebe zu, in der kurzen Zeit haben wir das nicht geschafft. Dazu fehlt uns einfach die Erfahrung. Dennoch stand alles in kürzester Zeit. Und es hätte noch schneller gehen können, wenn meine Frau nicht jeden Arbeitsschritt mit einer Putzaktion beenden würde.

Letztendlich waren wir aber fertig als der LKW auf den Campingplatz fuhr. Das sollte er zwar nicht, aber da er nun schon da war, ließ Jean-Marie zu, dass er auf dem Parkplatz des Campings abgestellt wurde. Und, als würden Bianca und Roland "den LKW" bewachen wollen, wählten sie sich das Zelt direkt neben dem LKW als Übernachtung aus. Stefan und Levin entschieden sich für die Zelte auf Stelzen, die sie dort liebevoll "Dilitente" nennen. Claudie brachte für alle die Wäsche- und Deckenpakete und machte teilweise schon die Betten.

An diesem Abend waren wir zum Essen eingeladen. Mein ältestes Enkelkind, mein ganz besonderer Kumpel Levin, hatte am diesem Tag Geburtstag, den wir dann bei Marie-Annick und Bernard gemeinsam mit Martine und Pierre feierten.